Politik

«Man geht davon aus, dass wir Menschen mit Behinderung unpolitisch sind»

Menschen mit geistiger Beeinträchtigung sind in der Politik eher selten. Christoph Linggi ist Mitglied bei der Grünliberalen Partei. Im Interview erzählt er über seine Erfahrungen als Mensch mit Behinderungen in der Politik und welche Hürden er zu überwinden hat.

Die Hürden der Politik und Gesellschaft können Christoph Linggi nicht von der politischen Teilhabe abhalten. | Quelle: Azlan Endut

von Azlan Endut

14. September 2020

Die Grünliberale Partei ist die Partei seines Herzens. Sie steht für seine Überzeugung. Dies sagt Christoph Linggi mit Stolz und Selbstsicherheit. Dass er als Mensch mit geistiger Beeinträchtigung einige Hürden zu überkommen hat, kann ihn nicht davon abhalten, politisch aktiv zu sein. Trotzdem hätte sich der Weg in die Politik einfacher gestalten können.

Wenn Christoph Linggi sich nicht gerade für die Grünliberalen oder «Inklusion für alle» engagiert, arbeitet er im 70-Prozent-Pensum für Mensch zuerst und ist Teil des Vorstands. Er leitet Weiterbildungen für Menschen mit Behinderungen. Seine schulischer Werdegang führte ausschliesslich durch Sonderschulen. Im institutionellen Rahmen hat er Lehren als Metallmechaniker, Hilfskoch und Schreiner gemacht.

Manche erachten es als unwichtig, dass Menschen mit Behinderungen abstimmen und wählen können.

Wir haben das aktive Wahl- und Stimmrecht. Es ist unser Recht, also muss alles dafür getan werden, dass wir dieses Recht auch wahrnehmen können. Dies will nicht nur die UN-Behindertenrechtskonvention so. Es ist auch für mich als Betroffener sehr wichtig.

Weshalb?

Als Schweizer habe ich die Möglichkeit mitzubestimmen und mitzuwirken. Es ist nicht wie in Deutschland, wo man alle paar Jahre irgendwelche Köpfe wählt, die über den eignen Kopf hinweg bestimmen. Da ist mir die direkte Demokratie lieber. Aber man muss sich dann auch informieren und engagieren. Das gehört zu unserer Demokratie.

Ist das Interesse bei Menschen mit Behinderungenen überhaupt da, sich politisch zu beteiligen?

Das ist nicht anders als bei Menschen ohne Behinderungen. Manche gehen abstimmen, manche nicht. Nur fehlt uns oft der Zugang.

Wo ist der Zugang erschwert?

Beispielsweise sind mir die Abstimmungsunterlagen oftmals zu kompliziert formuliert. Vor ein paar Jahren war ich auf der Bundeskanzlei, um mein Recht einzufordern. Ich war der Meinung, dass die Unterlagen auch für mich verständlich sein müssten. Dann haben sie gesagt, dass sei nicht möglich, denn das 50-seitige Heft würde dann plötzlich 800 Seiten lang. Seit dann sind zwar einige Fortschritte gemacht worden. So zum Beispiel die Erklärvideos, die der Bund wie auch der Kanton Zürich jeweils für jede Abstimmung bereitstellen. Diese sind sehr hilfreich für mich. Doch nicht nur für mich, auch Menschen ohne Behinderung helfen sie beim Abstimmen. Leider reicht das aber noch lange nicht.

Viele denken vielleicht, dass Menschen gerade mit geistiger Beeinträchtigung gar nicht in der Lage sind, richtig abzustimmen.

Ja, nicht selten werden uns Abstimmungs- und Wahlunterlagen vorenthalten. Denn manche Eltern oder die Beistandsperson denken, wir könnten das nicht. Es wird uns von Anfang an gesagt, wir würden das nicht können und dass wir unpolitisch sind. Und so wird uns in den Sonderschulen gar nicht erst beigebracht, was Politik bedeutet und was unsere Rechte und Pflichten sind. So war das zumindest bei mir. Dabei können wir fast alles, was andere auch können. Wir brauchen nur gelegentlich ein bisschen mehr Zeit.

Warum war es nie Thema?

Sie denken wohl, Lesen, Schreiben und Rechnen müssen sie können. Wir wurden über den Rütlischwur unterrichtet, aber über das politische System der Schweiz haben wir nichts gelernt. Dabei ist Bildung in einer direkten Demokratie ja umso wichtiger. Aber alles was ich über Politik weiss, musste ich mir selber beibringen oder wurde mir durch mein Umfeld beigebracht. Glücklicherweise konnte ich dann mit 32 noch die Schreinerlehre machen. Dort hatte ich einen Berufsschullehrer, dem das Thema sehr wichtig war.

«Ich bin in der Politik, um den Menschen mit Behinderung eine Stimme zu geben.»

Christoph Linggi

Du sprichst gerne über Politik. Wer bist du neben der Politik?

Ich bin ein autonom lebender Mensch. Ich lebe in der Stadt Uster in einer Wohnung mit meiner Lebenspartnerin, die auch eine Behinderung hat. Wenn ich irgendwo anstehe, bekomme ich Hilfe durch meine persönliche Assistenz. Denn durch einen Sprachfehler und durch die Legasthenie bin ich auf Kriegsfuss mit Fremdwörtern und brauche deshalb gelegentlich Unterstützung.

Vor ein paar Jahren bist du dann einer Partei beigetreten. Wieso?

Ich bin in der Politik, um den Menschen mit Behinderung eine Stimme zu geben. Ich fühle mich nicht vertreten. Es braucht uns Menschen mit Behinderungen in der Politik, denn wir müssen bei jenen Themen, die uns betreffen, mitreden können. Wir sind die direkt Betroffenen, also wissen wir auch, wie das für uns ist und wo es Veränderung braucht. Viele geben vor, für uns zu sprechen. Dabei sprechen sie bloss über uns. Und vergessen dabei noch davor überhaupt mal mit uns zu sprechen. Überall spricht man von Teilhabe von Menschen mit Behinderungen. Überall werden wir vertreten, durch Pro Infirmis, Insieme oder Inclusion Handicap. Den Dialog mit uns sucht kaum jemand. Es wird ohne uns entschieden. Wir können dann noch schön abnicken, damit sie ein Häkchen machen können. Dies will ich ändern.

Warum bist du den Grünliberalen beigetreten?

Das war für mich von Anfang an klar. Wir sind grün, aber nicht so radikal wie die Grünen selbst, sondern immer noch liberal. Wir sagen nicht, man darf nicht mehr Autofahren und darf nur noch Solarstrom beziehen. Wir sind die politische Mitte. Wir sind kompromissfähig. Und wir setzen uns für gesellschaftsliberalen Themen wie die Rechte von Lesben und Schwulen, oder eben auch für die Rechte von Menschen mit Behinderung ein.

Wie gewährleistet die glp die Zugänglichkeit der Partei für Menschen mit Behinderung?

Es ist sehr abhängig von den Sektionen. Die glp Stadt Zürich 4+5 ist sehr sensibilisiert im Umgang mit Menschen mit Behinderungen, meine eigene Sektion in der Stadt Uster überhaupt nicht. Auch die glp Schweiz hat das Problem erkannt und bemüht sich möglichst barrierefrei zu sein. Aber es passiert immer wieder, dass man uns vergisst. Wenn man zum Beispiel eine Delegiertenversammlung in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert mit Steinböden organisiert, dann ist das für einen Menschen mit Rollstuhl nur schwer zugänglich. Oder wenn ein Herr Doktor Sowieso spricht, dann schalte ich ab – denn es ist in schwerer Sprache.

Wie kann sich  die glp oder auch andere Parteien verbessern?

Ein Dialog müsste stattfinden. Man könnte uns Menschen mit Behinderung ja einfach fragen, was wir brauchen. Wir wären bereit dafür. Das geschieht momentan noch nicht.

Was sind konkrete Massnahmen, welche die Parteien umsetzen müssten?

Die Schweizer Parteien müssen sich darum kümmern, dass alles barrierefrei ist. Sie müssen sich fragen, was es braucht, damit niemand ausgeschlossen ist. Mir zum Beispiel würde es helfen, wenn jemand vor Ort wäre, der in einfache Sprache übersetzt. Für gehörlose Menschen bräuchte es eine*n Gebärdensprach-Dolmetscher*in und der Ort muss rollstuhlgängig sein. Mir ist bewusst, dass dies ein Mehraufwand ist. Es ist jedoch unverzichtbar, damit Menschen wie ich, Gehörlose oder Rollstuhlfahrer*innen ihr Recht auf Teilhabe wahrnehmen können.

Wie ist das für dich, wenn du an einem Parteianlass bist?

Einfach ist es nicht. Als Mensch mit Behinderung erfährt man viel Ablehnung. Nur schon ins Gespräch zu kommen, ist nicht einfach. Aber auch andere Hürden. An meiner ersten Delegiertenversammlung wollte ich zum Beispiel etwas zur Parole einer Initiative sagen. Dann kam der Sekretär und hat gesagt: Ja, aber bitte auf Hochdeutsch. Das ist für mich aufgrund meines Sprachfehlers sehr schwer. Ich bin dann immer wieder ins Zürichdeutsch gerutscht.

Wirst du ernst genommen?

Ab und zu. Es gibt bestimmte Menschen. Aber das dauert nun mal. Und die Veränderung kommt nicht morgen. Vielleicht übermorgen.

Wie ist das für dich, wenn du ausgegrenzt wirst?

Zum Glück bilde ich mit Peter Fischer ein politisches Tandem. Dann habe ich jeweils ihn, um mich auszutauschen. Aber manchmal merkt man schon, wie man übergangen wird oder in den Hintergrund gedrängt wird, dies nur schon beispielsweise bei Gruppenfotos. Aber vielleicht ist das in der Politik ja normal.

«Manchmal ist der Einstieg auch leichter, wenn man die Behinderung nicht gleich erwähnt.»

Christoph Linggi

Was ist ein politisches Tandem?

Wir sind zwei Menschen, die eine Behinderung haben. Wenn beispielsweise Peter an einer DV aufgrund seiner Behinderung keine Energie mehr hat, dann vertrete ich unsere gemeinsamen Positionen oder helfe ihm beim Zugfahren, da er auf den Rollstuhl angewiesen ist. Er unterstützt mich im Gegenzug bei sprachlichen Problemen. Wenn ich etwas schriftlich formulieren muss oder etwas nicht verstehe.

Was bedeutet dir das?

Es ist mir sehr wichtig. Wir wissen, welche Unterstützung der andere braucht und können die gegenseitige Hilfe annehmen. Für mich ist Peter sehr ermutigend. Es war auch wichtig für mich, dass ich bereits jemanden in der Partei gekannt habe. Denn es braucht sehr viel Mut irgendwo aufzutauchen, wo man niemanden kennt.

Was würdest du Menschen mit Behinderung sagen, die nicht den Mut finden, in die Politik zu gehen?

Es ist wichtig, den Mut zu haben, Fragen zu stellen. Einfach frech und forsch sein und das Recht der Teilhabe einfordern. Manchmal ist der Einstieg auch leichter, wenn man die Behinderung nicht gleich erwähnt. Sondern erst wartet, bis alles ins Rollen kommt. Und erst dann darauf hinweist, dass man gewisse Hilfsmittel braucht. So müssen sie zuerst den Menschen kennen lernen, bevor die Behinderung zum Thema wird.


Azlan Endut

Vorstand • Vereinskommunikation

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